Jugendbildungsfahrten zur demokratischen Teilhabe: Brüssel und Berlin als Lernorte des SEJ
Demokratie erleben statt nur davon zu hören
Der Stadtverband Essener Kinder- und Jugendverbände (SEJ) führt regelmäßig Bildungsfahrten nach Brüssel und Berlin durch. Diese Fahrten sind nicht Bestandteil des klassischen Freizeitprogramms, sondern gezielt konzipierte Lernorte der politischen Bildung. Sie dienen der Förderung von Demokratieverständnis, demokratischer Resilienz und Völkerverständigung – drei Kernkompetenzen, die gerade in Zeiten zunehmender politischer Polarisierung unverzichtbar sind.
Das Prinzip: Lernen durch Erleben
Politische Bildung funktioniert am wirksamsten, wenn sie nicht abstrakt bleibt. Der Besuch der Europäischen Institutionen in Brüssel und der politischen Zentren in Berlin ermöglicht es Jugendlichen, die Strukturen von Demokratie unmittelbar zu erfahren. Sie betreten das Europäische Parlament, sitzen in den Besuchergalerien, sprechen mit Abgeordneten und verstehen so hautnah, wie Gesetzgebung funktioniert. In Berlin erleben sie ähnlich die föderale Struktur der Bundesrepublik und die Architektur der parlamentarischen Demokratie.
Diese unmittelbare Erfahrung ist pädagogisch wertvoll: Sie macht Demokratie konkret, greifbar und nicht zuletzt partizipativ. Jugendliche lernen nicht nur von der Theorie der Volkssouveränität, sondern erleben, wo sie sich selbst Gehör verschaffen können.
Brüssel: Europa verstehen, europäische Identität stärken
Die Reisen nach Brüssel haben zusätzlich eine europäische Dimension. Die Europäische Union ist für junge Menschen oft abstrakt – irgendwo “da oben” in Brüssel werden Dinge entschieden, die ihr Leben beeinflussen. Eine Bildungsfahrt zu den EU-Institutionen ändert diese Wahrnehmung fundamental.
Im Europäischen Parlament erleben Jugendliche die Vielfalt europäischen Zusammenlebens. Sie sehen, wie 27 Mitgliedstaaten mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Interessen an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Dies ist nicht abstrakte “Völkerverständigung”, sondern konkrete Erfahrung von kultureller und politischer Vielfalt.
Besonders wichtig ist dies in einer Zeit, in der national-populistische Strömungen wieder an Kraft gewinnen. Jugendliche, die in Brüssel erlebt haben, dass europäische Kooperation funktioniert und dass ihre Stimme in dieser Kooperation zählt, entwickeln eine emotionale Bindung zur europäischen Idee – ein starkes Gegengift gegen Nationalismus.
Berlin: Deutsche Demokratie, deutsche Geschichte, deutsche Verantwortung
Berlin ist nicht nur Sitz von Bundestag und Bundesregierung, sondern auch ein Ort der Geschichte. Die Spuren von Nationalsozialismus, Diktatur und Teilung sind überall gegenwärtig. Dies macht Berlin zu einem einzigartigen Klassenzimmer für politische Bildung.
Jugendliche, die den Reichstag besuchen und anschließend das Denkmal für die ermordeten Juden Europas aufsuchen oder die Gedenkstätte für die Opfer der Berliner Mauer erleben, verstehen auf unmittelbare Weise: Demokratie ist fragil. Sie muss verteidigt werden.
Der Besuch in Berlin verbindet damit auch Erinnerungskultur mit aktueller Demokratieerziehung. Es ist ein Erlebnis, das junge Menschen prägt und ihnen verdeutlicht, welchen Wert die freiheitliche Ordnung hat.
Demokratische Resilienz: Widerstandsfähigkeit gegen Extremismus
Ein zentrales Ziel dieser Bildungsfahrten ist die Förderung demokratischer Resilienz. Damit ist gemeint, dass Jugendliche eine innere Stabilität und Widerstandskraft entwickeln, die sie gegen extremistische, rassistische oder antidemokratische Ideologien schützt.
Dies funktioniert durch mehrere Mechanismen:
Erstens durch Wissen: Wenn Jugendliche verstehen, wie Demokratie funktioniert, können sie Desinformation und simplistische Lösungsversprechen leichter durchschauen.
Zweitens durch Erfahrung von Vielfalt: Der Kontakt mit Jugendlichen aus anderen Ländern, das Erleben kultureller Unterschiede in einem positiven Kontext, macht es schwerer, in Stereotype und Feindseligkeiten zu verfallen.
Drittens durch Ermächtigung: Wenn Jugendliche erleben, dass ihre Fragen in Gesprächen mit Politikern ernst genommen werden, dass sie selbst Einfluss haben können, wächst ihr Vertrauen in demokratische Prozesse und ihre Bereitschaft, für diese einzustehen.
Völkerverständigung als europäische Aufgabe
Die Jugendbildungsfahrten des SEJ sind auch Beitrag zur Völkerverständigung. In einer Zeit, in der diplomatische Beziehungen unter Druck stehen und nationalistische Reflexe zunehmen, ist es bedeutsam, dass Jugendliche aus Deutschland unmittelbar erleben, dass Menschen aus anderen europäischen Ländern keine abstrakten “anderen” sind, sondern Altersgenossen mit ähnlichen Herausforderungen, Träumen und Sorgen.
Diese persönlichen Begegnungen sind nicht sentimental. Sie sind fundiert in der Überzeugung, dass gegenseitiges Verständnis und respektvoller Austausch die Grundlage für friedliches Zusammenleben bilden – ob in Europa oder weltweit.
Der SEJ als Ermöglicher von Partizipation
Der SEJ positioniert sich durch diese regelmäßigen Bildungsfahrten als Akteur der Demokratieförderung. Er gibt Jugendlichen nicht nur Informationen über Demokratie, sondern schafft ihnen die Möglichkeit, diese zu erleben und mitzugestalten.
Das ist gerade in einer Zeit wichtig, in der viele Jugendliche sich von etablierten Strukturen entfremdet fühlen oder nur sporadisch an Entscheidungsprozessen partizipieren können. Die Fahrten nach Brüssel und Berlin signalisieren: Eure Stimme zählt. Eure Fragen sind wichtig. Die Demokratie braucht euch.
Fazit: Investition in die Zukunft der Demokratie
Jugendbildungsfahrten zur Förderung von Demokratieverständnis, demokratischer Resilienz und Völkerverständigung sind keine “netten Extras” im Angebot der Jugendarbeit. Sie sind Investitionen in die Zukunftsfähigkeit unserer Demokratien.
Jede Jugendliche und jeder Jugendliche, der aus einer solchen Fahrt zurückkehrt mit dem Gefühl “Ich verstehe jetzt, wie das funktioniert” und “Meine Stimme zählt”, trägt dazu bei, dass Demokratie nicht nur als Staatsform, sondern als gelebte Praxis weitergegeben wird.
Der SEJ leistet damit mehr als Freizeitarbeit. Er leistet Demokratiearbeit. Und diese Arbeit hat nie an Relevanz verloren – ganz gleich, wie die geopolitische Lage sich verändert.